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Leutnant Dino kommentiert

Die Einhornzucht

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Nachdem es in einigen früheren Beiträgen um die Eigenschaften und die Seltenheit des weiblichen Einhorns ging, stellt sich auch die naheliegende Frage, inwieweit Erziehungseinflüsse geeignet sind, Kindern/Mädchen den Weg zu den Einhorneigenschaften zu ebnen. Gibt es Möglichkeiten, gar Stellschrauben, um die Chancen zu erhöhen, dass aus Mädchen seltener blinde Zicken auf Alphajagd und dann ab 30 bis 35 Jahren abgeranzte Rotwein- und Katzenhalterinnen werden?

Erziehung und ihre Möglichkeiten sind ein Thema, über das sich die ganze Welt pausenlos auslässt. Generell wird man da nicht zu einer einheitlichen Theorie kommen und man wird auch keine einfachen Handlungsanweisungen bekommen in der Art wie: Erziehe so, dann wird das Kind so. Die Unmöglichkeit solcher Ideen kennen die meisten Menschen von sich aus und fast alle Eltern wissen es sogar aus sicherer eigener Erfahrung. Ich will deshalb auch nicht schöne Sprüche herbeiwälzen, die von irgendwelchen großen Erziehungsexperten geklaut sind und getragene Statements machen, sondern nur von ein paar kleinen eigenen Erfahrungen mit meinen Mädchen erzählen. Vielleicht bewirkt das nichts, unterhaltsam ist es allemal. In meiner Einhornzucht gibt es auch keine hoffnungsvollen kleinen Einhörnchen. Sie zeigen bereits alle auf unterschiedliche Weise, dass sie typische weibliche Sackgassen ausgebildet haben, mal so, mal so, mal mehr, mal weniger. Aber es gibt auch schöne Ansätze, an denen ich merke, dass meine Erziehung durchaus ein paar Kerben gesetzt hat. Wie kam das zustande?

Wiederholung und Wiederholung und Wiederholung

Am Kühlschrank in unserer Küche hängt genau im kindlichen Sichtfeld ein Zettel, den ich entworfen und zusammengestellt habe. Darauf sind einfache, grafisch ansprechend illustrierte Verhaltensweisen aufgelistet. Dieser Zettel wurde anfangs vom Knaben heimlich abgerissen, weil ihm einiges darin nicht passte. Er ist jemand, der leicht in Wut gerät und dann destruktive Gewalt gegen Dinge anwendet, sowohl offen als auch verdeckt. Ich habe ihn immer wieder aufgehängt und dann mit den Kindern die Inhalte besprochen, soweit aufgrund ihres Entwicklungsstandes möglich. Dann lange wortlos hängen lassen. Aber immer, wenn die Kinder solche selbstschädigenden Verhaltensweisen abziehen, wie sie auf dem Kleinplakat abgebildet sind, zitieren wir den Zettel und reden kurz darüber, warum das ein Beispiel für die rechte Spalte war und wie das Gegenstück auf der linken Seite aussehen könnte. Wiederholung, Wiederholung, Wiederholung. Ganz primitiv, ganz simpel. Obwohl sie sicher meistens auf Durchzug schalten, kennen sie mittlerweile doch einiges auswendig und es wirkt ein Stück weit. Sie können die Stimme der „linken Spalte“ nicht mehr aus ihrem Kopf verbannen. Sie wird im Einzelfall dann doch von kindlicher Wut, Narzissmus und Emotion überströmt, aber sie ist trotzdem da und wirkt, indem sie als alternativer Weg präsent ist. Gäste sprechen uns oft auf den Zettel an, „wo es den im Internet gibt“, auch Kinder. Man kann sich jederzeit inspirieren lassen, das mache ich natürlich auch, aber Eltern sollten sich jedoch vor allem eigene Gedanken machen, was sie mitteilen, statt den Bälgern vorgefertigte Schemas hinzuwerfen. Indem man das selber durchdenken muss, merkt man erst, was man eigentlich bringen will und was nicht. Eigenes Denken ist ohnehin generell zu empfehlen, leider kam das sehr aus der Mode.

Lob mit Stachel

Lob wird oft als eines der wichtigsten Erziehungselemente positioniert. Weiß jeder. Meine Kinder bekommen natürlich Lob. In Wirklichkeit ist das aber nur eine Zuckerschicht zum Festkleben und der Einstieg. Denn der Trick ist: Lobt man, hören sie zu. Am Ende könnte ja eine Belohnung stehen. Tut es auch manchmal, Lob und Belohnung ist jedoch zu trennen. Und wehe, man praktiziert eine Lobinflation, lobt Belanglosigkeiten oder lobt um etwas herum - das sind die Eltern, die irgendwelche Details ihrer großen Tochter schön finden und loben, aber immer in gebührendem Sprechabstand zur schiefen Nase des Töchterleins. Dann merken die Kinder sofort ein Nicht-drüber-Reden und machen aus menschlichen Eigenschaften große Peinlichkeiten.
Mein Lob hat immer Feedback und einen Stachel, der antreibt und an der süßen Lackschicht kratzt, es ehrlich und authentisch macht. Das wissen sie, sie warten schon drauf. Plump darf der Stachel nicht sein, sondern wirklich etwas piksen. Also nicht „Schön, dass du eine Zwei in Mathe hast. Aber jemand, der nicht mal sein Zimmer aufräumen kann, hat das gar nicht verdient.“, sondern „Du bist ganz gut geworden in Mathe. Jetzt spielen wir noch mit der Bruchrechnung und aus Gut wird Spitze, lernen lohnt sich, wie du gesehen hast.“

Nicht aufgeben

Üble Rückschläge sind normal. Manchmal passiert es täglich. Eine der Töchter ist zum Beispiel gewaltbereit und prügelt in der Familie Geschwister. Nein, dafür kennt sie KEINE Vorbilder in Familie oder sozialem Nahbereich. Wir haben uns deswegen auch externe Hilfe geholt. Das geht so weit, dass sie sich so aufschaukelt, direkt vor den Eltern der kleinen Schwester harte Schläge zu verabreichen, begleitet von Gebrüll, dass die Scheiben klirren und auch schon besorgte Nachbarn klingelten und nachfragten. Ein anderes Kind ist ein notorischer Lügenbold, Vereinbarungen zu schließen ist da sinnlos, sie werden gebrochen und das mit Lügenmärchen begleitet. Ich spüre immer wieder den drängenden Wunsch, den Bälgern einfach nur das Essen hinzustellen und ansonsten Abstand von diesen Schadensfällen zu halten. Dafür sorgen, dass sie irgendwann so früh wie möglich ausziehen. Fort mit dem Schrott. Kommt von selber weiter oder geht unter, ich will nur noch meine Ruhe. Auch hier: Die allermeisten Eltern kennen das sehr gut, erzählen es aber nicht oder verdrängen es, sobald die Kinder mal weg sind. Diese Realität und die Gründe dafür werden ebenso ungern weitererzählt, stünde man dann doch als Erziehungsversager da oder man lügt sich selber in die Tasche. All das ist menschlich und auch die Abgründe sind menschlich. Erwachsene ohne Kinder und damit direkten Erfahrungen verstehen das selten, denn sie verklären ihre eigene Kindheit im Nachhinein, auch das ist menschlich.

An diesem Punkt darf man aber nicht aufgeben. Ich genehmige mir dann durchaus eine Auszeit, um unbedachte Reaktionen zu vermeiden, aber ich komme zurück und zeige maximale Konsequenz. Das Prügelmädchen hatte die Energie ihres jüngsten Anfalls ins Schaufeln von Mist für den Garten zu leiten, so die „Vereinbarung“. Das baut auch Stress ab. Sie weigerte sich erst standhaft, auch das gehört zum Spiel, der Machtkampf. Ich besprach es dann nochmal absichtlich, während eine ihrer Freundinnen anwesend war und spannte die Freundin ein, fragte, was die Freundin schon machen musste, nachdem sie mal zu Hause etwas angerichtet hat. Das brachte gute Beispiele und war peinlich für meine Tochter. Auf diese Weise ließ ich das soziale Netz des Prügelkindes für die Erziehung arbeiten. Sonst zieht sie das immer als Ausrede heran: „Alle meine Freundinnen dürfen XY machen, nur ich nicht!“. Diesmal habe ich mir die Freundinnen zunutze gemacht. Und ja, die Tochter schaufelte den Mist.

Zuhören lassen

Mehr als direkte Ansprache der Kinder hat zuhören bei Erwachsenengesprächen bewirkt. Die Kinder hören nämlich immer dann am besten zu, wenn sie nicht sollen. Papa, Mama und Freunde unterhalten sich am Esstisch, Kind hat Handy in der Hand und sitzt am anderen Ende des Raums. Sie hören trotzdem zu und lernen dabei viel mehr, als wenn man mit ihnen direkt spricht. Ich habe mich oft gewundert, wie gut sie sich Sätze und Weisheiten gemerkt haben, die wir Erwachsenen untereinander besprochen haben. Es macht auch Spaß, damit zu spielen. Man kann über die Vorzüge eines Erziehungslagers sprechen und das baldige Vorhaben, die Kinder dorthin abzuschieben. Meine Kinder kennen mich leider zu gut, um darauf noch hereinzufallen. „Papaaaaa! Red keinen Quatsch!“ kommt dann aus der Zimmerecke. Aha, hat wieder zugehört. Oder es kommt ganz beiläufig etwas heraus, das die Kinder nur durch Zuhören gelernt haben können. Man muss den Kindern nicht gleich Namen wie Alexa und Siri geben, um sich immer daran zu erinnern, dass sie lauschen und damit lernen.

Manchmal merkt man erst durch überraschende Blicke von außen, dass auch etwas gelungen ist im großen See der Enttäuschungen und des Unwissens. Kürzlich traf ich eine mir vorher völlig unbekannte ältere Frau. Viele Jahre stand ich nämlich für jedes meiner Kinder vor dem Tor des Kindergartens, bis die Kinder bei Kindergartenende aus dem Gebäude gelassen wurden, heraussprudelten, von wartenden Eltern (fast immer nur die Mütter) in Empfang genommen wurden. Ich begrüßte wie die anderen das Kind und wir gingen zusammen durch den Stadtteil zurück in die Wohnung. Was ich bis letzte Woche nicht wusste: In dem Haus angrenzend dem Kindergarten gab es jemand, der mir hinter einem Fenster versteckt zusah. Das war diese Frau, sie sprach mich letzte Woche bei einer örtlichen Veranstaltung an, fragte nach dem Kind und erzählte, wie gerne sie zugesehen hätte, wie ich das Kind abhole. Warum eigentlich? Wenn ich zurückdenke, ist es mir schließlich selbst aufgefallen. Als das Kind kam, machte ich sofort Faxen mit ihr, ließ es auf der Schulter reiten, wirbelte es herum, wir kicherten und spielten uns den Weg zurück. Zogen an der Rückgeldschublade der herumhängenden Zigarettenautomaten (einmal war Geld drin, bombastisch), ließen Falläpfel über die Straße rollen, wenn Autos vorbeifuhren und jubelten, wenn der Reifen den Apfel erwischte. Mütter tun so etwas nie. Für sie ist Abholen oft ein pflichtgemäß abzuarbeitender Vorgang und geistig waren sie sichtlich woanders, vielleicht bei der Frage, ob das eben angerührte Pfanni-Kartoffelpüree zu Hause schon anbrennt oder ob der Hausfreund nach der heißen Vormittagssession heute Nachmittag wohl anrufen wird?

Das waren ein paar wenige Beispiele. Die Einhornzucht ist nicht berechenbar, aber es zu versuchen ist lustig und bildet eine der Herausforderungen unseres Lebens. Dieses Leben ist so kurz, dass man alles auskosten sollte, was es an Aufgaben und Spaß bietet. Spielt, lernt, lacht, lebt.

P.


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